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Lucille Eichengreen

Ehrengast

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Erinnerung:
Wut und Gleichgültigkeit

Lucille Eichengreen ist Jüdin und Überlebende des Holocaust. Über die Vergangenheit, ihr Verhältnis zu Deutschland und die Frauen im Nationalsozialismus hat sie drei Bücher geschrieben…

Anne Schemann
„Was Deutschland betrifft“, sagt Lucille Eichengreen, „da ist immer noch ein großer Abgrund zwischen uns.“ Wenige Worte, die schwer wiegen und in der Luft hängen bleiben – mit einer Endgültigkeit, die keinen Widerspruch duldet.

Deutschland, das ist für die Jüdin Eichengreen „die Vergangenheit“. Und wenn sie „Vergangenheit“ sagt, dann meint sie den Nationalsozialismus, als Millionen Juden in Deutschland verfolgt und ermordet wurden. Auch Lucille Eichengreens Vater, ihre Mutter und ihre Schwester. Damals hieß sie noch Cecilie Landau – ging in Hamburg zur Schule, wurde 1941 von den Nazis ins Ghetto nach Lodz verschleppt, später ins KZ Auschwitz und wieder zurück nach Hamburg. Da war sie 19 Jahre alt und musste in den Außenlagern des KZs Neuengamme Zwangsarbeit leisten. Als sie schließlich 1945 als einzige Überlebende ihrer Familie von britischen Soldaten aus dem KZ Bergen-Belsen befreit wurde, da war „überlebt zu haben“ eins der wenigen Dinge, die ihr geblieben waren. „Dabei war Überleben gar nicht besonders wichtig“, erinnert sich die 79-Jährige. „Das Leben war manchmal so schlimm, dass man gedacht hat, ob es nicht besser wäre, nicht zu überleben.“ Die „Vergangenheit“ hat ihr Leben jedenfalls so grundlegend durchschnitten, dass sie nur einen Gedanken im Kopf hatte, als sie Deutschland Ende 1945 verließ: „Nie wieder zurück.“

Gut 40 Jahre hat sie sich daran gehalten, ist nach New York ausgewandert, später nach Kalifornien gezogen, hat geheiratet, zwei Söhne bekommen – und weitergelebt. „In Amerika ist das Leben sehr anders“, erklärt Lucille Eichengreen. „Es ist vor allem schnell. Man hat nicht viel Zeit zum Nachdenken, und das ist vielleicht ganz gut so.“ Wenn sie an Deutschland gedacht hat, dann vor allem mit Wut. „Ich war sehr böse auf die Vergangenheit.“ Aber auf Wut könne man kein neues Leben aufbauen: „Was passiert ist, kann man nicht entschuldigen, und kann ich nicht vergessen, aber ändern kann ich es auch nicht.“ Fast unbeweglich sitzt die zierliche Frau da, wenn sie solche Sätze sagt, wirkt zerbrechlich und sehr stark zugleich. Ihre Sprache ist klar und überlegt, kein Wort zuviel, aber auch keine Angst, alles zu sagen. Über die Enttäuschung, dass Deutschland sich nie formell für die Vergangenheit entschuldigt hat. Über die Ungerechtigkeit, dass die deutschen Täter nach dem Krieg meist „bequem leben“ konnten. Und wie sehr sie das Wort „Wiedergutmachung“ hasst: „Das ist weder wieder, noch macht es etwas gut.“

Nach Wut und Enttäuschung kam Gleichgültigkeit. „Ich habe mit diesem Kapitel abgeschlossen“, stellt die 79-Jährige fest. Mit ihrer deutschen Vergangenheit, über die sie mit ihren Söhnen nicht geredet hat, bis diese 18 waren. Mit Deutschland, das so weit weg war – und „keine große Bedeutung“ mehr hatte. Und trotzdem ist Lucille Eichengreen irgendwann zurückgekehrt. Zu einem kurzen Hamburg-Besuch Ende der 80er und dann 1992, um ihre Biographie vorzustellen – unter dem Titel „Von Asche zum Leben“. Warum sie ihre Geschichte aufgeschrieben hat, ist ihr selbst nicht ganz klar: „Jedenfalls nicht für mich. Ich hätte auch ohne das Buch leben können.“ Vielleicht hat sie es zum Gedenken an ihre Eltern und ihre Schwester geschrieben – von denen sie kapitelweise Abschied nimmt. Vielleicht wollte sie einfach erzählen, „wie schlimm die 12 Jahre waren. Und dass so etwas nie wieder passieren darf“.

Wichtig war ihr auch, die Vergangenheit aus Frauen-Sicht zu schildern, „da die ersten 30 Jahre fast nur Männer darüber geschrieben haben“. Darum hat sie sich auch in ihrem mittlerweile dritten Buch speziell der Frauen im Nationalsozialismus angenommen – „weil das Erleben anders war“. Im Mai wird sie dieses Buch in Hamburg und Bremen vorstellen.

Obwohl Deutschland immer wieder weh tue. Wie der erste Besuch: „Wir waren fremde Menschen, an einem Ort, an dem wir hätten zu Hause sein sollen. Aber wir waren es nicht.“ Oder wenn sie im Radio den Satz hört: „Wir begrüßen unsere jüdischen Mitbürger.“ Der vermutlich Verbundenheit ausdrücken soll, bei Lucille Eichengreen aber das Gegenteil erreicht: „Wir sind keine Mitbürger. Und dass wir Juden sind, sollte keine Rolle spielen. Wir sind einfach Menschen.“ Und irgendwie ist ihr das alles doch nicht so ganz egal, hofft sie doch, dass die jungen Deutschen „lernen, selber zu denken und etwas dagegen zu tun, sollte so etwas nochmal passieren“. Und dann sagt sie noch: „Ich wünschte mir manchmal, dass die jungen Leute mehr fragen. Denn Schweigen hilft überhaupt nicht.“

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die tageszeitung
taz – die tageszeitung Hamburg vom 06.03.200
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