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Grußwort des Zeitzeugen Kurt Nelhiebel

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Vorwort zu einem Buch über eine Widerstandsgruppe, die Flugschriften gegen die Naziherrschaft aus der Schweiz nach Deutschland schmuggelte. Ihr Initiator war der kommunistische Journalist Willi Bohn. Er wurde deswegen zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. (Willi Bohn, Transportkolonne Otto, Röderberg Verlag, Frankfurt/M., 1970.

EIN WORT AN DIE JUGEND

Es ist Zeit, dass ein freiheitlich-demokratisches

Deutschland unsere Geschichte bis in die

Schulbücher hinein anders schreibt“.

Bundespräsident Gustav Heinemann 1970

Widerstand gegen Hitler – was war das eigentlich? Wer dieses Buch gelesen hat, findet darauf eine Antwort. Es ist nicht die Antwort schlechthin; denn die gibt es nicht. Die Auflehnung gegen das nationalsozialistische Gewaltregime vollzog sich auf mannigfaltige Art. Die Formen des Protestes wechselten. Die jeweilige politische Situation spielte dabei ebenso eine Rolle, wie der Grad der politischen Bewusstheit des Einzelnen oder die Grundorientierung einer ganzen Gruppe. Gemeinsam war allen Widerstandshandlungen das unerhörte Risiko. Wer sich gegen Hitler auflehnte, setzte sein Leben aufs Spiel.

Auch die Mitarbeiter der „Transportkolonne Otto“, von der in diesem Buch die Rede ist, waren ständig der Gefahr ausgesetzt, von der unbarmherzigen Rache der Machthaber getroffen zu werden. Dass sie das Risiko nicht scheuten, lässt ihre bedingungslose Bereitschaft zum Einsatz für die Freiheitsrechte des Volkes erkennen. Hier schied sich wahrlich die Spreu vom Weizen.

Es ist durchaus legitim, heute zu fragen, ob sich das Risiko lohnte; denn immerhin blieb der deutschen Widerstandsbewegung der große spektakuläre Erfolg versagt; sie hat Hitler nicht gestürzt. War also alles umsonst? Wer die vorliegende Schilderung des Widerstandes gegen Hitler wachen Sinnes gelesen hat, dem wird aufgefallen sein, dass die Beteiligten niemals nach dem Erfolg gefragt haben. Sie handelten so, wie sie glaubten handeln zu müssen. Sie befanden sich mit ihrem Tun in völliger Übereinstimmung mit den historischen Gesetzmäßigkeiten. Die Menschheit entwickelt sich nach vorn. Das Rad der Geschichte ließ sich auch von Hitler nicht aufhalten.

Insofern vermitteln die Widerstandskämpfer von einst der kritischen Jugend von heute eine wichtige Lehre: Was richtig oder falsch ist lässt sich nicht daran ablesen, wie viel oder wie wenig Menschen zunächst das eigene Tun gutheißen. Als während des Bundestagswahlkampfes 1969 junge Menschen in vielen Städten unseres Landes nach ihren eigenen Vorstellungen gegen ein weiteres Vordringen der NPD protestierten, hatten sie oft genug die Staatsgewalt und die Mehrheit der Erwachsenen gegen sich. Aber sie haben mit ihrem Protest wesentlich mitgeholfen, den Einzug der NPD in den Bundestag zu verhindern.

Die entscheidende Lehre des Widerstandskampfes gegen Hitler aber besagt, dass sich die demokratischen Kräfte rechtzeitig einig sein müssen, um drohende Gefahren abwehren und einer fortschrittlichen Entwicklung den Weg bahnen zu können. Welche Tragödie wäre unserem Volk erspart geblieben, wenn die beiden großen Arbeiterparteien sich rechtzeitig vor dem 30. Januar 1933 zum gemeinsamen Kampf gegen das heraufziehende Unheil zusammengefunden hätten!

Das Buch über die „Transportkolonne Otto“ enthält einige Beispiele, die der Nachwelt zeigen, wie verhängnisvoll der Irrglaube war, unter Hitler „das Schlimmste verhüten“ zu wollen, indem man sich anpasste. Sie mögen den Saturierten von heute als Warnung dienen. Und noch eins zum Schluss: Wann endlich findet man sich bereit, der heranwachsenden Generation in den Schulen ein umfassendes Bild des deutschen Widerstandes gegen Hitler zu vermitteln? Oder anders herum gefragt: Wie lange will es sich die Jugend noch gefallen lassen, dass ihr zwar die Helden der Antike nahe gebracht werden, nicht aber jene mutigen Männer und Frauen, die um das Licht der Freiheit kämpften, als es Nacht war in Deutschland?

Conrad Taler

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